Prof. Andreas Büsch Kath. Fachhochschule Mainz

Zwischen Bauklötzen und Ballerspielen.

Warum wir Spiele brauchen

1. Was ist das überhaupt – ein Spiel?
2. Warum brauchen wir Spiele?
Literaturangaben

1. Was ist das überhaupt – ein Spiel?

Die Frage scheint nur einfach - auch wenn jedes Kind die Kunst des Spielens beherrscht, es spielt einfach. Wenn wir als Erwachsene über „Spiele“ reden, müssen wir aber trotz oder gerade wegen der scheinbaren Selbstverständlichkeit des Begriffs zunächst einmal klären, was er bedeutet.
Ein erster Gang durch Wörterbücher zeigt dabei eine schillernde Vielfalt des Begriffs, die sich um die Idee einer zweckfreien Tätigkeit rankt, eines Zeitvertreibs, der zum Vergnügen als mehr oder minder bewusster Gegenpol zu Arbeit und Alltag ausgeübt wird (vgl. Grimm 2004). Dabei wird Spiel häufig Kindern zugestanden, in Bezug auf Erwachsene aber stärker in Richtung der etablierten Kulturformen (Musik, Theater etc.) verstanden. Eine eindeutige Definition des Begriffs ist so aber nicht zu erlangen.

Einen zweiten Ansatzpunkt bietet die chronologische Durchsicht von Theorien zum Spiel. So schreibt der Dichter und Philosoph Friedrich Schiller 1794/95 „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“ im 15. Brief: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Im 19. Jahrhundert bestimmten die Einzelwissenschaften, allen voran die Biologie und die sich als wissenschaftliche Disziplin konstituierende Psychologie, das Bild. Sie bearbeiten aber alle nur die in ihr jeweiliges Gebiet fallenden Fragestellungen, so dass auch nur Einzelaspekte zur Bedeutung des Spiels relevant sind. „Dabei kommen die alten Einzelerklärungen, die wir schon aus dem 18. Jahrhundert kennen, in neuer Gewandung und teils besser begründeter wissenschaftlicher Formulierung wieder zu Ehren: die Erholung, die Ergänzung, die Abreaktion instinktiver Nötigungen, der übende Aufbau von Erfahrungen können - teils mit Lustgefühlen verknüpft - wirksam sein, ohne dass der Spielende selbst in seinem Wissen und Wollen sich diese Zusammenhänge zu vergegenwärtigen oder sie nur zu ahnen braucht.“ (Scheuerl 1991, 52)

Im 20. Jahrhundert gab es eine Blütezeit des Nachdenkens über Spiel, so dass wir heute eine Fülle kulturphänomenologischer, psychologischer und psychoanalytischer, (sozial-)pädagogischer, philosophischer und theologischer Theorien zum Spiel vorfinden – die aber auch ohne Berücksichtigung ihrer unterschiedlichen Herkunft z.T. so widersprüchlich sind, dass mit Hans Scheuerl festzustellen ist, dass Spiel „primär ein bildhaftes Wort und kein wissenschaftlicher Begriff“ ist (Scheuerl 1993, 610).

Um nun einen Begriff von Spiel zu erhalten, greife ich verschiedene in der Literatur genannte Merkmale von Spiel auf, um so etwas wie einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ formaler Bestimmungen, zusammenzutragen:

2. Warum brauchen wir Spiele?

Die Frage nach dem „Warum“ kann mehrdeutig sein: kausal, als Frage nach dem Ursprung bzw. der Ursache, aber auch final als Frage nach dem Ziel, dem Zweck, der Funktion (im Sinnes von „wozu“), aber auch nach dem Sinn und der Bedeutung. Dabei können wir mit Blick auf das Spiel aufgrund der o.g. Merkmale zumindest den „Zweck“ ausschließen. Bei der Funktion und den Folgen wird es schon schwieriger, wohingegen Sinn und Bedeutung des Spiels wiederum relativ unstrittig sind.
Ähnlich wie bei der Frage nach dem Begriff des Spiels haben wir auch bei der Frage nach der Funktion des Spiels das Problem einer Reihe von zum Teil gegensätzlichen Teil-Antworten. Jede für sich genommen mutet aber dennoch „richtig“ an oder darf doch zumindest gleichermaßen Gültigkeit beanspruchen:

Auch die Frage des „Wozu“ des Spiels lässt sich also nicht abschließend beantworten. Wenn Spiel aber mehr ist als eine nur Kindern zugestandene Nutzlosigkeit (so die Meinung der Aufklärung), dann hatte Schiller wohl nicht ganz unrecht, wenn er den Wert des Spiels für die ästhetische Erziehung betont, denn:

Ästhetische Bildung aber nimmt den Menschen als Ganzes in den Blick und ist insofern ein notwendiges Gegengewicht gegen alle Zweckrationalität!
Und genau darum brauchen wir Spiele: weil unser Leben nicht nur bestimmt sein darf durch den nächsten Abschluss, den nächsten Bausparvertrag und all die anderen wichtigen Dinge des Alltags. Weil es uns ein Leben lang aufgegeben bleibt herauszufinden, wer wir sind und welchen Sinn unser Leben hat.
Eben weil das Spiel so eine eigentümliche Doppelstruktur haben kann, eben weil es sich weder im völlig Beliebigen auflösen, noch einer eindeutigen Funktionalisierung unterordnen lässt, eben weil es ganz heiter und doch ganz ernst sein kann – deswegen kann es den Raum der Muße füllen, jener Zeit in unserem Leben, in der wir nicht arbeiten, machen und mühen, um irgendetwas zu sein, sondern in der wir einfach sind.

 

Literaturhinweise:

Grimm (2004): Der digitale Grimm. Deutsches Wörterbuch. Elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.

Portmann, Adolf (1975): Spiel als gestaltete Zeit. In: In: Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 21, S. S. 335-340.

Scheuerl, Hans (1975): Zur Begriffsbestimmung von "Spiel" und "spielen". In: Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 21, S. 341–349.

Scheuerl, Hans (Hg.) (1991): Theorien des Spiels. 11., überarb. und erg. Neuausg. Weinheim, Basel: Beltz.