Andreas Büsch: Medien und Krieg – Medien im Krieg Endnote


„Kriege werden von alten Männern gemacht.“

(Thomas Wolfe: Herrenhaus)



Medien waren und sind nie gleich der Realität, die sie vorgeblich abbilden - das weiß doch jedes Kind … falsch, das muss es erst lernen! Und wann wir dieses naive Stadium des Für-Wahr-Haltens überwinden, ist Ergebnis eines höchst individuellen Prozesses.

Einstweilen müssen wir daher feststellen: es gibt keine „wahre“ Wirklichkeit in den Medien, sondern subjektive und kollektive Inszenierungen, die auch und maßgeblich durch (Massen-)Medien vorgenommen bzw. gestützt werden.


Was bedeutet das für die möglichen und erlebbaren Zusammenhänge zwischen „Krieg“ und „Medien“? Fakt ist:

1.  Krieg wird durch Medien vorbereitet und begleitet.

2.  Krieg wird in Medien dargestellt.

3.  Krieg wird für Medien inszeniert.

4.  Krieg wird durch Medien geführt.

5.  Medien werden durch Kriege beeinträchtigt.


Ad 1: Krieg wird durch Medien vorbereitet und begleitet.

Das Platzieren des Themas „Wir werden Krieg führen“ lässt sich am jüngsten Irak-Krieg mit gut anderthalb Jahren Vorlaufzeit (gerechnet ab dem 11.9.2001) sehr gut nachverfolgen: Aus der allgemeinen Androhung von Vergeltung für einen terroristischen Anschlag wurde irgendwann die konkrete Kriegsdrohung gegen den Irak. Zu diesen medial kolportierten politischen Vorbereitungen gehört nicht nur die Verbreitung der vorgeblichen Gründe für einen Krieg, sondern auch die gezielte Konstruktion von in dieser Form vorher nicht klaren Feindbildern Endnote („Die Achse des Bösen“ und die beteiligten Personen, aber auch „das alte Europa“, das sich am Krieg der USA nicht beteiligten wollte, sondern auf diplomatische Lösungen setzte).

Ganz wesentlich für die mediale Flankierung dieser Vorbereitungen ist die Ausblendung von Unerwünschtem, z.B. in Internet-Suchmaschinen Endnote , bis hin zur Zensur von Künstlern, die sich pazifistisch äußern oder entsprechende Lieder singen. Endnote


Ad 2: Krieg wird in Medien dargestellt.

Seit es Kriege gibt wird über die Kampfhandlungen berichtet, und zwar mit jeweils mehr oder minder klar erkennbaren propagandistischen Absichten. Die bewusste Gegeninformation bzw. Gegenöffentlichkeit gegen die herrschende politische Meinung oder die Kriegs-Propaganda ist natürlich auch nicht ohne Medien zu realisieren. In jüngster Zeit kommt dabei dem Internet als schnellem und weltweit verbreitetem Medium besondere Bedeutung für pressure groups und Oppositionelle im weitesten Sinne zu.

Wie stark Medien in der Lage sind, Meinungen und Emotionen zu beeinflussen zeigt (wieder einmal) die Debatte um ein Foto, diesmal das Titelbild der Wochenzeitschrift Die Zeit vom 2. April 2003, auf dem ein amerikanischer Militärarzt in vollem Kampfanzug ein irakisches Kind in den Armen hält. Endnote

Nicht erst seit Cäsars „De bello gallico“ dürfte aber das Leitmotiv medialer Berichterstattung sein, als Feldherr gut dar zustehen (man vergleiche dazu die Auftritt von George W. Bush vor US-Soldaten vor wenigen Wochen) und als fähig zu erscheinen, die selbst-gesetzten Kriegsziele zu erreichen – womit wir unmittelbar beim nächsten Punkt sind:


Ad 3. Krieg wird für Medien inszeniert.

Seit dem vorletzten Golfkrieg 1990/1991 hat die Kriegsberichterstattung eine neue Qualität bekommen: allabendlich führte General Schwarzkopf die Präzision von Lenkwaffen und Marschflugkörpern, von mehr oder minder „intelligenten“ Bomben und anderen Waffen in exklusiven Nachrichten-Filmchen vor. Neu ist dabei nicht die vorherige Zensur durch die Militärs, neu auch nicht Dreistigkeit, mit der eine Pseudo-Information als Information verkauft wird (sämtliche Details, wann und wo die Bilder und Filme aufgenommen wurden, sind weder gegeben, noch wären sie nachprüfbar) und neu ist schließlich auch nicht das Lügen mit der „falschen Information zum richtigen Bild“ Endnote . Neu ist vielmehr die (scheinbare) Präzision, die die Illusion von Information nährt – wir sehen es doch ganz genau! Die Konsequenz bringt Kabarettist Matthias Beltz auf den Punkt: „Wir erfahren nichts, das aber stundenlang!“ (Auf die damit verbundenen Gewöhnung- und Abstumpfungseffekte kann hier nur verwiesen werden.)

Die implizierte Illusion der Möglichkeit einer „sauberen“ Kriegsführung zerbricht natürlich spätestens mit den möglichen Gegenbildern von Verletzten, toten Zivilisten etc., die eine mehr oder minder freie Presse außerhalb von Diktaturen (auch) transportieren kann.


Ad 4. Krieg wird durch Medien geführt.

Insofern Krieg für Medien inszeniert wird und in einem für durchschnittliche Mediennutzer nicht mehr unterscheidbaren Maß von der eben nicht dargestellten Realität abweicht, ist die Rede vom Krieg durch gezielte Informationslenkung (information warfare) gerechtfertigt. Damit werden aber Medien im doppelten Wortsinn zu Mittlern, sprich zu Instrumentarien des Krieges – was letztlich nochmals auf das Grunddilemma von Medien und zugleich auf deren Verantwortung in medienbasierten Gesellschaften der vollendeten Moderne verweist.


Ad 5. Medien werden durch Kriege beeinträchtigt.

Zunächst einmal werden Medien in der Region des Kriegsgeschehens unmittelbar beeinträchtigt: Bestandteil des information warfare ist eben auch in allen (Bürger-)Kriegen die Besetzung der Institutionen von Massenmedien durch die Kiegsgewinner zwecks Kontrolle des Informationsflusses Endnote bzw. durch kritische Kräfte, u.U. aus den jeweiligen Redaktionen, zwecks Herstellung einer Gegenöffentlichkeit. Damit werden aber auch Journalisten entgegen dem Kriegsrecht zu Zielen der Kombattanten. Endnote

Weniger drastisch, aber nicht minder folgenschwer ist die Beeinträchtigung der Medien auch in unbeteiligten Ländern: neben den oben genannten inhaltlichen Einschränkungen – Journalisten können und dürfen in Kriegsgebieten nur das berichten, was Militärs zulassen – stehen Massenmedien immer in einem Dilemma zwischen zu erhärtendem Kompetenzverdacht und Aktualitätszwang (Quote ist dabei noch nicht einmal das wichtigste Stichwort) einerseits und dem notwendigen Schutz der eigenen Mitarbeiter sowie dem Wissen um die eigenen Instrumentalisierbarkeit andererseits.


Und damit wären wir dann beim Dilemma des Mediennutzers: ohne Medien keine Information, mit Medien aber möglicherweise auch nicht. Natürlich ist es jetzt Sache meiner Profession auf die Notwendigkeit von Medienkunde und Medienkompetenz bzw. media literacy hinzuweisen. Inwieweit das dem und der Einzelnen in Kriegszeiten bei den genannten Rahmenbedingungen aber überhaupt helfen kann, muss offen bleiben. Denn – um nochmals Matthias Beltz zu zitieren – „Wir erfahren nichts, das aber stundenlang!“


Andreas Büsch