Prof. Andreas Büsch Kath. Fachhochschule Mainz

2. Thesen aus Beobachtungen – was macht Caritas aus?

Bei den folgenden Thesen beziehe ich mich sowohl auf die Inhalte des Films, als auch auf Beobachtungen während der Dreharbeiten sowie auf Material, dass beim Schnitt nicht verwendet wurde. Dabei verbiete ich mir spekulative oder normative Ausdeutungen und Ergänzungen und halte mich an das, was ich vor Ort in den Einrichtungen wahrgenommen habe.

„Einen großen Unterschied (zu einem nicht christlich geführten Altenpflegeheim, Anm. d. Verf.) bemerke ich nicht, aber es gibt doch Punkte wo man sagt, da geben die sich besondere Mühe, hier auch in Liebe und Zuneigung und Zuwendung etwas für die Bewohner zu tun.“
Frau Nixdorf, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Caritas-Altenzentrum Vinzenz-von-Paul-Haus, Idstein

 

2.1 Caritas ist professionell!

Ein erstes Kennzeichen ist Professionalität im Sinne der Beachtung fachlicher Standards im jeweiligen Handlungsfeld. Diese Selbstverständlichkeit – so anspruchsvoll sie bisweilen sein mag – ist zwar ein notwendiges, im Sinne einer Unterscheidung der Caritas von anderen Trägern jedoch kein hinreichendes Kriterium. Salopp formuliert: Das Kriterium „Professionalität“ ist relativ banal – und sollte kein Unterscheidungskriterium von anderen Trägern in der sozialen Arbeit sein. Und wenn dann höchstens im Komparativ: besser, da professioneller als andere.

„Das Caritative bedeutet für mich, dass man hier nicht das Gefühl hat, dass die Frauen behandelt werden, als hätten sie es nötig hierher zu kommen, sondern die Frauen werden behandelt, als wenn sie zu Karstadt gingen. Ich denke, caritativer kann man nicht sein, als dass man die Menschen ihre Bedürftigkeit nicht spüren zu lassen.“
Frau Bieler, ehrenamtliche Mitarbeiterin im SKF Anziehtreff, Wiesbaden, steht vor einer Regalwand mit lauter Bananenkartons, in denen Babywäsche, nach Größe und Kleidungsstück geordnet aufbewahrt wird.

 

2.2 Caritas ist menschlich!

Ein zentrales Moment, dass in allen Einrichtungen hinsichtlich der Beziehung zwischen Mitarbeitern und Klienten eine große Rolle spielte und immer explizit benannt wurde, ist die unbedingte Würde der Menschen. Eine Würde, die es je nach Lebenssituation der Nutzer, Besucher oder Bewohner der jeweiligen Einrichtung zu erhalten oder wiederherzustellen gilt. Konkret will Caritas durchgängig dem jeweiligen Gegenüber als auch auf dessen bzw. deren Angehörige hin das Gefühl vermitteln, angenommen zu sein, „so wie sie sind“. Stichworte in diesem Zusammenhang, die in den Gesprächen fielen, sind Gleichberechtigung, Chancengerechtigkeit und Bedürfnisorientierung, Ressourcenorientierung und Vermeidung von Abwertungen bedürftiger Menschen – allesamt Merkmale einer zutiefst menschlichen Orientierung am DU!

„Caritas-Verband heißt für mich auch Parteilichkeit und Option für die Armen. Und ich denke, dass Caritas sich nicht nur konzentrieren sollte auf das Klientel, sondern auch die gesellschaftspolitischen Diskussionen mit beeinflussen sollte. … Letztlich ist Caritas eine Philosophie und die trägt auch die alltäglich Arbeit.“
Klaus Störch, Leiter des Hauses St. Martin am Autoberg. Facheinrichtung für Wohnungslose, Hattersheim, im Gespräch in seinem Büro

 

2.3 Caritas ist politisch!

Der status quo bedingt die jeweiligen Aufgaben und den Alltag in allen Einrichtungen. Dieser status quo führt aber zu einer Parteilichkeit für die jeweiligen Klienten und diese wiederum kann auf Dauer nicht rein systemerhaltend und -stabilisierend bleiben. Vielmehr ist die gesellschaftliche Realität im Sinne einer Kritik der herrschenden Verhältnisse zu hinterfragen und zu verändern. Dabei geht offensichtlich die christliche Motivation eine spannende Verbindung sowohl mit professionellen Maßstäben im jeweiligen Handlungsfeld als auch mit kritischer Theorie ein. Man kann – um Bild zu bleiben – sehr wohl ein Portrait von Karl Marx auf dem Schreibtisch und ein Kreuz an der Wand hängen haben.

„Wir sind eine christliche Einrichtung und wenn die Eltern die Kinder zu uns bringen, dann wissen die das auch von vornherein. Und ich mache auch die Erfahrung, dass z.B. muslimische Eltern gar nichts dagegen haben, wenn wir auch Gott mit einbeziehen.“
Christa Eulberg, Leiterin der Caritas-Kita Wetzlar, interviewt im Garten der Kita hinter ihrem Büro

 

2.4 Caritas ist kirchlich!

Eine für jegliche Bildgestaltung, ob nun für Fotos oder bewegte Bilder, also Film, grundlegende Frage ist die nach den Zeichen und Symbolen, auf denen letztlich jede visuelle Wahrnehmung basiert. Bei unserer Vorbereitung auf den Film war „das Kreuz“ zu einer Art Chiffre geworden, einer Art visuellem bzw. symbolischem kleinsten gemeinsamen Nenner, den wir in jedem Fall vorzufinden dachten. Und – durchaus image- und erwartungskonform – ist es in allen Einrichtungen präsent. Aber wie das mit Symbolen so ist: in ihrer ganzen zeitgeschichtlichen und kulturellen Bedingtheit können sie ja durchaus unterschiedlich ausgeprägt und konnotiert sein.

„Wir sind sehr fromm erzogen, von Anfang an bis zum heutigen Ende. Und so habe ich meinen Glauben und den halte ich auch!“
Während Fr. Kadlik, 97 Jahre, Bewohnerin des Vinzenz-von-Paul-Hauses, sitzt in ihrem Sessel, den sie zusätzlich ausgepolstert hat. Während sie spricht schwenkt die Kamera auf das geschnitzte Kreuz in ihrem Zimmer, das Christus inmitten von Weinranken und Trauben zeigt.

Zur Ausprägung: wir fanden eben keine „sadistischen Standbilder von einem Mann an einem Lattengerüst“ (8) vor, wie es bei Herman van Veen in seiner ersten Geschichte von Gott so wenig schön heißt, sondern wir fanden schlichte Formen vor, z.T. deutungsoffen, die eher von der Nähe und Menschenfreundlichkeit Gottes zu sprechen scheinen. Zur Konnotation passt dazu, dass durchweg nicht Beten - um ein willkürliches Beispiel einer als genuin christlich erachteten Tätigkeit zu nehmen -, sondern praktizierte Zuwendung / Nächsten-Liebe (Caritas!) als Motivation der MitarbeiterInnen dient.

Die Treppe hinunter, im Gewölbekeller der Kita finden wir Fr. Huber, die Kinder verschiedener Nationalität und Hautfarbe bei den Hausaufgaben betreut. An den weiß verputzten Wänden viele gemalte und gebastelte Bilder, an der Tafel ein Vorlesetext.
„Ich denke, dass hat etwas mit dem Überbringen des christlichen Glaubens zu tun, weniger das Beten, als einfach tägliches Leben, das es sich im Alltag zeigt.“ Frau Huber, ehrenamtliche Hausaufgabenbetreuerin in der Kita Wetzlar

Die eigene Religiosität scheint für viele haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen ein unbedingt notwendiger Traggrund für die eigene Arbeit in der Caritas zu sein Es wäre nun nochmal eine spannende Frage, wie diese Religiosität - oder vielleicht besser Spiritualität -, die für uns in allen besuchten Einrichtungen erfahrbar bzw. erlebbar war, in Beziehung steht zu einer vom Arbeitgeber bzw. Leitungsseite geforderten christlichen Orientierung (was halt bei uns so in der Präambel des Dienstvertrages steht). Dieser und einer Reihe von anderen Fragen sind wir allerdings nicht nachgegangen.

„Also Religion … ich bin evangelisch, aber das spielt ja hier gar keine Rolle!“
Frau Sloschek, Bewohnerin im Caritas-Altenzentrum Vinzenz-von-Paul-Haus, Idstein, sitzt auf ihrem Sofa im Gespräch mit einer Studentin

Ein (vorläufig) Letztes: von seiten der Nutzer und ihrer Angehörigen haben wir – wiederum je nach Einrichtung verschieden deutlich – keine spezifisch „katholische“ Identifikation wahrgenommen. Aber der christlich-kirchliche Kontext der Einrichtungen wird gesehen und wertgeschätzt.

 

Anmerkungen

  1. Erweiterte Fassung eines Vortrages am Tag der Caritas im Rahmen der 47. Limburger Kreuzwoche am 15.09.2005 in Limburg. (zurück nach oben)
  2. Gegen Erstattung der Unkosten können Sie eine Kopie des Films auf DVD beim Verfasser anfordern. (zurück nach oben)
  3. Diese Auswahl (oder auch – insofern damit maßstäbliche Auswahl für Dritte getroffen wird – Kanonisierung) ist keine Eigenheit der sogenannten neuen oder auch nur technischen Medien, sondern zum einen ursprünglich mit dem Prozess der Wahrnehmung im Sinne einer aktiven Betrachtung und Verarbeitung der sinnlich wahrnehmbaren Welt verbunden, zum anderen ein seit dem Altertum mit jedem Medienwechsel einhergehender Prozess der Auswahl; vgl. Rafael Capurro: Medien (R-)Evolutionen. Platon, Kant und der Cyberspace. Online unter: http://www.capurro.de/leipzig.htm (9/2007) (zurück nach oben)
  4. „Ein Trailer ist ein aus einigen Filmszenen zusammengesetzter Clip zum Bewerben eines Kino- oder Fernsehfilms, eines Computerspiels oder einer anderen Veröffentlichung. Der Zweck eines Trailers ist es, dem Publikum einen Vorgeschmack auf das beworbene Produkt zu geben und Werbung für dieses zu machen. Das Wort kommt vom englischen trail, dem Nachlauf, und hat sich deshalb etabliert, weil Trailer früher tatsächlich nach dem Hauptfilm gezeigt wurden..“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Trailer_(Vorschau); 9/2007) (zurück nach oben)
  5. Nur in einem Fall gab es die Bitte, den in der betreffenden Einrichtung gedrehten Film vor der Präsentation hier zu sichten; die Rückmeldung danach war jedoch absolut positiv. (zurück nach oben)
  6. Vgl. dazu Horst Niesyto: Aufmerksamkeitserregung. Kritische Anmerkungen zum kulturellen Kapitalismus unserer Zeit und den Aufgaben einer lebensweltorientierten und emanzipatorischen Medienbildung. In: Manfred L. Pirner/ Thomas Breuer (Hrsg.) (2004): Medien – Bildung – Religion. Zum Verhältnis von Medienpädagogik und Religionspädagogik in Theorie, Empirie und Praxis (medienpädagogik interdisziplinär, Bd. 2). München: kopaed, S. 52-72. (zurück nach oben)
  7. Am deutlichsten wurde dies in der Facheinrichtung für Wohnungslose in Hattersheim, wo bei einem ersten Schwenk durch den Raum eine Gruppe von Männern alles stehen und liegen ließ, um aus dem Bild zu verschwinden bzw. sich unter die Kapuze eines Pullis zurückzuziehen. Nach einer guten Stunde gegenseitiger vorsichtiger Beobachtung - und einem richtigen „Eisbrecher“, für den ich Hr. Alexander heute noch dankbar bin - konnten wird dann Interviews führen und ohne das Gefühl, wider Willen Privatsphären zu übertreten, drehen. (zurück nach oben)
  8. Herman van Veen (1982): Erste Geschichte von Gott. In: Ders., Worauf warten wir? Reinbek bei Hamburg: rororo. (zurück nach oben)