| Prof. Andreas Büsch | Kath. Fachhochschule Mainz |
1.2 Inhaltliche Vorbereitung und Durchführung
- Der erste Schritt der Auseinandersetzung mit dem Thema „Caritas“ in Seminar – wie auch jetzt für Sie als Leserinnen und Leser – ist eine Aktualisierung unserer je eigenen Bilder im Kopf, quasi einer Rehablitation unserer Vor-Urteile (Gadamer).
- Als Zweites stand die Formulierung von Fragen im Kontext derjenigen Einrichtungen an, die uns die Vorbereitungsgruppe des Caritastages benannt hat. Dies waren zum einen grundsätzliche Fragen an die Einrichtung als solche als auch konkrete Fragen an Leitungen sowie haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen.
- Ein dritter Schritt in der Vorbereitung war die Sammlung möglicher Szenen, wobei wir ausdrücklich keinen Drehplan erstellt haben, sondern bewusst ein Moment der Offenheit, des Fragenden, Suchenden – und insofern möglicherweise die Perspektive der Klienten – berücksichtigt haben.
„Das Essen kostet einen Euro, aber das ist eine Spende. Wenn einer nicht bezahlen kann, kriegt er trotzdem etwas zu essen.“
Angelika Klinkow, Leiterin Hauswirtschaft in der Fachstelle für Wohnungslose, Hattersheim, bereitet in der Küche mit zwei Ein-Euro-Kräften das Essen für die Besucher der Fachstelle vor.
Insofern handelt es sich bei dem Film „Was ist das – Caritas?“ in mehrfacher Hinsicht um Momentaufnahmen und keine Langzeitstudie. Dies bedingt mehrere Implikationen bzw. Folgen:
- Dies bedeutet neben anderem, dass es keine vorausgehende Beobachtungssituation gab, in der wir Szenen und Einstellungen aussuchen oder gar proben konnten, sondern der Film zeigt dass, was zum Zeitpunkt unserer Anwesenheit in der Einrichtung eben geschah. Damit können wir auch unterstellen, dass dieses Alltag ist und eben nicht eine Summe extra inszenierter Situationen „für den Film“.
- Das heißt aber auch, dass wir eine vermutlich „suboptimale“, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in der einen oder anderen Hinsicht verkürzende Darstellung der Lebenswirklichkeit „Caritas“ haben – nicht nur, weil diese vier Einrichtungen nicht zwingend stellvertretend für alle Einrichtungen stehen können, sonder auch weil wir eben nicht aus mehreren Stunden oder Tagen das maximale Material sammeln und auswerten konnten (und wollten)! Aber auch institutionale und organisatorische Hintergründe konnten und wollten wir nicht abbilden.
- Ich halte dies aber für einen strukturellen Vorteil und keinen Nachteil des Films, denn jegliche mediale Darstellung ist eine Veränderung der Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit selbst. Schon der um größtmögliche Objektivität bemühte Berichterstatter sorgt durch seine Wahl des Ausschnitts beim Fotografieren oder Filmen immer für eine Auswahl aus dem Gesamt der jeweils vorfindlichen Realität und insofern für eine Verkürzung respektive Veränderung eben dieser Realität – die Welt im Sucher einer Kamera ist eben nicht die Welt, wie sie uns umgibt. (3)
- Wir haben uns im Wissen um diese zwingende Tatsache darum bemüht, so weit wie möglich dokumentarisch und nicht manipulativ zu arbeiten. Und dennoch haben auch wir natürlich ausgewählt. Z.B. aus den aufgenommenen O-Tönen diejenigen, die sich in dem kurzen Format von drei bis vier Minuten pro Einrichtung „gut unterbringen“ lassen – und eher nicht diejenigen, die von großem Nachdenken und langatmigen Erläuterungen geprägt sind. Kurz: unser Film zeigt eher Statements und keine „Regierungserklärungen“.
- In kommunikationswissenschaftlicher Betrachtung oszilliert der Film damit zwischen Selbstbild – selbstverständlich anspruchsvoll! – und unserer Wahrnehmung dieses Bildes, also einem Fremdbild. Daraus folgender möglicher Diskussionsstoff ist durchaus erwünscht!
„Das Christliche zeigt sich einmal durch Singen, zwei Gottesdienste, die gehalten werden, und wenn größere Feiern sind ist das immer mit einem Gottesdienst verbunden. Das wird sehr gut angenommen, obwohl wir sehr viele Rollstuhlfahrer und Demente haben, wobei wir gerade bei den Dementen immer wieder merken, wenn wir die alten Lieder oder alte Psalmen singen, wie da plötzlich ein Gesichtsausdruck kommt, wo wir sagen: jetzt haben sie etwas von ganz früher entdeckt.“
Frau Nixdorf, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Caritas-Altenzentrum Vinzenz-von-Paul-Haus, Idstein
Der Film ist hinsichtlich der formalen Einordnung also kein Kurzfilm des Genres Spielfilm, keine Dokumentation und kein Feature, sondern eher ein an das Format von Nachrichten angelehnter Trailer (4), der viermal Antwort auf die Frage geben will: „Was begegnet mir, wenn ich Caritas begegne?“ Oder auch: „Was macht diese Einrichtung der Caritas aus?“ Und damit implizit auf die Frage „Was ist das – Caritas?“
„Man arbeitet hier ehrenamtlich, aber wir bekommen auch ganz viel zurück von den Frauen.“
Frau Schandua, ehrenamtliche Mitarbeiterin im SKF Anziehtreff, Wiesbaden, steht an einem Tisch, auf dem verschiedene Kleidungsstücke für Babys und Kleinkinder ausgebreitet sind.
Diese Frage haben wir außerdem in Gesprächen u.a. explizit gestellt „Was ist Caritas – für Sie persönlich?“ Die Interviewpartner haben die Fragen allerdings nicht vorab vorgelegt bekommen und kannten sie insofern nicht. Es gab nur die üblichen Vorgespräche im Sinne von warming-ups vor dem eigentlichen Dreh; wer schon einmal vor einer Kamera eines Nachrichten-Teams gestanden hat, wird die Situation und deren Begründung kennen: um die Interviewpartner nicht zu überfallen und sie unvorbereitet oder ungünstig darstehen zu lassen, wird das Thema des Beitrags im lockeren Vorgespräch einschließlich möglicher Fragen erörtert, ohne dass Kamera und Ton schon mitlaufen.
Natürlich sollten die Einrichtungen in unserem Film gut „rüberkommen“ – auch
das ein Kriterium der Auswahl von Szenen. Um Harald Schmidt negativ zu zitieren:
Wir haben keinen knallharten investigativen Journalismus angestrebt – so etwa
nach dem Motto „Nicht ohne unsere Klienten - Die dunkle Seite der Caritas“ (5).
Umgekehrt haben wir in den vorbereitetenden Gesprächen wie auch in den Einrichtungen
vor Ort erfreulich viel Verständnis dafür erfahren, dass wir keinen Jubel-Film
und auch keinen rein affirmativen Film machen wollten, der nur die Kirchlichkeit
der Caritas betont. Es ging also auch nicht darum, möglichst viele Kreuze und
andere religiöse Symbole in dreieinhalb Minuten unterbringen.
„Hier liegt auch unser Buch des Lebens. Darin werden diejenigen, die hier im Haus gelebt haben und gestorben sind, aufnotiert. Und da kommen sehr viele Besucher, Ehrenamtliche und Bewohner und schauen immer mal wieder nach, wer hier gewohnt hat, und erinnern sich an sie.“
Frau Prothmann, Sozialdienstleitung im Caritas-Altenzentrum Vinzenz-von-Paul-Haus, Idstein, zeigt uns ein großes Buch, das in der Kapelle vor dem Tabernakel ausliegt
Ausdrücklich geht es uns um eine Kultur der Aufmerksamkeit, nicht mediale Aufmerksamkeitserregung (6); d.h. es gibt bei uns keine inszenatorischen oder dramaturgischen Effekte. Wir haben uns bemüht, Atmosphären und Stimmungen auf die Spur zu kommen und diese unter Bedingungen eines sehr knappen Zeitplans – i.d.R. maximal ein halber Drehtag, eher zwei bis drei Stunden pro Einrichtung – einzufangen. Insofern bot es sich unter anderem auch an, aus der personellen und technischen Not eine Tugend zu machen und auf aufwendige Lichtinszenierungen komplett zu verzichten. Jedes spielende Kind hätte garantiert sein Spiel unterbrochen, bis wir nach einigen Minuten mit der optimalen Ausleuchtung fertig gewesen wären …
Alexander, ein Bild von einem Stadtindianer, die langen Haare mit einem federgeschmücktem Cowboyhut bedeckt, mit zwei Ohrringen und einer Lederweste über dem halboffenen Hemd, möchte gerne „in’s Fernsehen“. Also setzt er sich vor der Kamera in verschiedene Posen, bis er über sich selbst lachen muss und fast schon verschämt grinsend ein „Daumen hoch“ - alles okay - signalisiert. Die Kamera fängt dieses Bild ein und blendet darauf über zum nächsten Beitrag.
Das Leitungspersonal der Caritas ist eloquent, rhetorisch fit und verfügt über reflektierte Positionen zur eigenen Arbeit und den jeweiligen Akzenten und Problemen. Auch in sofern kann das Motto des diözesanen Tages der Caritas „selbstverständlich - anspruchsvoll“, das wir übrigens erst nach Abschluss der Schneidearbeiten kennen gelernt haben, Gültigkeit beanspruchen. Interessanterweise gab es bei anderen „Zielpersonen“ zum Teil deutliche Vorbehalte, sich vor der Kamera zu zeigen, sowohl bei hauptamtlichen Mitarbeitern, bei Klienten im Bereich der Wohnungslosen, aber auch bei Kindern (7). Ehrenamtliche MitarbeiterInnen hatten dagegen keine Scheu, sich vor der Kamera zu äußern.
„Kannst du zaubern? Ich schon!“
Zwei Kinder auf der Schaukel vor der Kita Wetzlar, „flirten“ mit der Kamera.
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